Österreichische Gesellschaft für Homöopathische Medizin

Das Bild der Homöopathie in der Öffentlichkeit

Eine Analyse von Dr. Friedrich Dellmour

Zusammenfassung

Ziel: Dieser Review soll das Bild der Homöopathie in der österreichischen Öffentlichkeit darstellen und die Notwendigkeit einer sachlichen Aufarbeitung der Homöopathiekritik aufzeigen. Methode: Review und Kommentar ausgewählter Beispiele von Homöopathiekritik in Zeitschriften, Wikipedia, Internetforen und einer Diskussionsveranstaltung an der Medizinischen Universität Wien (2005-2008). Ergebnis: Der überwiegende Anteil der Kritik beruht auf methodischen Fehlern, unzureichenden journalistischen Recherchen, fehlender Berücksichtigung der wissenschaftlichen Literatur und der Anwendung eines unpassenden Wissenschaftsbegriffes. Schlussfolgerung: Eine sachliche Aufarbeitung der Inhalte und Hintergründe der Kritik und die Entwicklung eines geeigneten Wissenschaftsbegriffes der Homöopathie erscheinen notwendig.

 

Abstract

Aim: This review aims to demonstrate the image of homeopathy in the Austrian public and the necessity of professional work on the criticisms on homeopathy. Method: Review and comment on selected examples of criticisms on homeopathy in journals, Wikipedia, web forums and a discussion event at the Medicine University Vienna (2005-2008). Result: The majority of criticisms results from methodical mistakes, insufficient journalistic investigations, missing consideration of the scientific literature and the application of an inappropriate scientific concept. Conclusion: The professional work on the contents and background of the criticisms and the development of an appropriate scientific concept of homeopathy are required.

Das Bild der Homöopathie in den Medien

Die Homöopathie befindet sich in einer zunehmend ernsten Situation: während Insider – homöopathische Ärzte und Tierärzte und deren erfolgreich behandelte Patienten – von der Wirksamkeit dieser medizinischen Therapiemethode überzeugt sind und eine Vielzahl an Studien und sogar Metaanalysen die Wirksamkeit und den Nutzen der homöopathischen Behandlung belegen, sieht das Image der Homöopathie in den Medien anders aus. Zwar erscheinen immer wieder positive Berichte in Tageszeitungen und Illustrierten. Aber jene Medien, die in der Öffentlichkeit und den Gesundheitssystemen einen hohen „Impact“ haben, prägen seit Jahren ein anhaltend negatives Bild der Homöopathie:

 

Lancet 2005

Die berühmteste medizinische Fachzeitschrift der Welt veröffentlichte 2005 in einer beispielslosen Kampagne eine Metaanalyse [1] sowie ein Editorial und einen „World Report“ mit vernichtenden Ergebnissen für die Homöopathie. Die in der Metaanalyse gefundenen positiven (!) Ergebnisse der Homöopathie wurden ins Gegenteil verkehrt, indem die 220 eingeschlossenen Arbeiten nachträglich auf 14 nicht näher genannte Studien reduziert und massiv Bias genutzt wurden, um die Annahme (!) zu bestätigen, dass die klinischen Wirkungen der Homöopathie Placebo-Effekte sind. Leserbriefe [2] und die nach internationalen Protesten veröffentlichten Studiendaten bestätigten zwar, dass die Metaanalyse keine Relevanz für die Homöopathie hat. Aber die Publikation hat ihre Ziele erreicht: die klinischen Wirkungen der Homöopathie wurden massiv angegriffen und als Placeboeffekte erklärt: “clinical effects of homoeopathy … are unspecific placebo or context effects” und mit dem Fehlen eines anerkannten Wirkmechanismus untermauert: „specific effects of homoeopathic remedies seem implausible“.

Die Publikation diente in der Schweiz dazu, die Komplementärmedizin aus dem Grundversorgungskatalog der Krankenversicherung zu streichen [3]. Der plakative „lack of evidence“ führte in England dazu, dass in fünf homöopathischen Krankenhäusern die Finanzierung der homöopathischen Behandlung durch Primary Care Trusts (PCT) des National Health Service im Juli 2008 gestrichen wurde. Der medizinische Direktor des West Kent Primary Care Trusts, James Thallon begründete diese Entscheidung mit den für alle Gesundheitssysteme geltenden ökonomischen Kriterien [4]: „But ultimately it is the clear duty of PCTs to make best use of public money by commissioning clinically cost effective care. There is not enough evidence of clinical effectiveness for us to continue to commission homeopathy.”

 

Profil 2005 und 2007

Während sich Lancet an die medizinische Fachwelt richtet und für evidenzbasierte Entscheidungen im Gesundheitssystem relevant ist, nutzte „Profil“ die Lancet Publikation, um unter der Titelseite „Homöopathie – Der große Bluff. Alle seriösen Studien beweisen die Wirkungslosigkeit der alternativen Therapie“ das „Ende der Homöopathie“ in der Öffentlichkeit auszurufen und auf alternative Therapien auszuweiten [5]. Der Direktor des Cochrane-Zentrums für Evidence Based Medicine in Kopenhagen, Peter C. Gotzsche zitierte darin einen weiteren gesundheitsökonomischen Aspekt: „Wesentlich schlimmer ist es, … wenn nämlich eine wirksame Therapie, die rasch geholfen hätte, unterlassen und die Krankheit durch Homöopathie verschleppt wird“.

Die Lancet-Studie wurde 2007 nochmals für einen Rundumschlag gegen die „Alternativmedizin“ verwendet [6]. Homöopathie, Hausmittel, Akupunktur, chinesische Medizin und Gebete wurden auf der Titelseite als „Medizin ohne Wirkung“ und gemeinsam als „Placebo-Bluff“ und „Esoterik“ bezeichnet.

 

Wiener Zeitung 2007

Völlig in die esoterische Ecke wurde die Homöopathie 2007 durch die Wiener Zeitung gerückt [7]. Mit Zitaten aus dem Buch von Theodor Much „Aberglaube und Astrologie – Was taugen Horoskope?“ schaffte es die Autorin in einem halbseitigen Beitrag, die Homöopathie als „Aberglaube“ darzustellen und nebenbei 25 (!) unrichtige und unbelegte Behauptungen über die Homöopathie zu verbreiten. Die mit Th. Much geführte Korrespondenz ergab, dass so ziemlich alle Bereiche der Homöopathie falsch verstanden und auf einer Literaturauswahl beruhen, in der die Originalliteratur und wissenschaftliche Literatur nicht berücksichtigt wurden. Daher wundert es nicht, dass der Buchautor davon überzeugt ist, dass es sich bei der Homöopathie um eine „esoterische Behandlungsmethode mit Wurzeln im Götterglauben der Antike“ handelt, Homöopathie und Aberglaube daher untrennbar verbunden sind und die Wirksamkeit der Homöopathie der eines teuren Placebos entspricht.

 

Standard 2008

Der professionelle Zauberkünstler James Randi wurde damit bekannt, dass er den Gabelbieger Uri Geller und Fernsehprediger entlarvte. Er wurde von „Nature“ beauftragt, die sensationellen Arbeiten von Jacques Benveniste zu wiederholen, was durch die von ihm geleitete Wissenschaftlergruppe zu einem negativen Ergebnis führte. Randi kennt alle Tricks der Wunderheiler und Spiritisten und bietet 1 Million Dollar demjenigen, der ein paranormales, übernatürliches oder okkultes Phänomen unter wissenschaftlichen Bedingungen demonstriert. Aufgrund der hohen Verdünnungen zählt der Rationalist Randi auch die Homöopathie zu den paranormalen Phänomenen: „Wenn das eine Krankheit heilen könnte, wäre das übernatürlich“ [8]. In einem Leserbrief weist Kurt Usar darauf hin, dass die Homöopathie nichts mit spiritistischen oder „übersinnlichen“ Praktiken zu tun hat und dass die Wirkung von Hochpotenzen und der noch unklare Wirkmechanismus keinesfalls den Schluss zulassen, dass homöopathische Heilungen „übernatürlich“ wären.

 

Wikipedia

Im Februar 2008 wurde durch den Präsidenten des European Committee for Homeopathy (ECH) Ton Nicolai ein sehr besorgtes Mail von Dana Ullmann weitergeleitet. Wikipedia gehört zu den am häufigsten besuchten Internetseiten. Bei Google werden die Wikipedia-Einträge meist an erster Stelle gelistet und damit ist Wikipedia die tägliche Informationsquelle für Millionen Menschen. Daher ist es alarmierend, dass die englische Homöopathie-Seite von Wikipedia (http://en.wikipedia.org/wiki/Homeopathy) zunehmend von einer aktiven Gruppe von Gegnern der Homöopathie dominiert wird, die unter Nutzung der komplexen Editionsregeln von Wikipedia darüber bestimmen, welche Informationen über Homöopathie erscheinen und Autoren blockieren, die positive Beiträge publizieren wollen. Dadurch entsteht ein einseitiges Bild der Homöopathie, das sich nicht am internationalen Stand des Wissens orientiert. Die Seite enthält zahlreiche kritische Links und keinen einzigen (!) Link zu nationalen oder internationalen homöopathischen Organisationen oder der in PubMed gelisteten Fachzeitschrift Homeopathy, die ebenso wie Lancet von Elsevier herausgegeben wird. Ullman hat seine persönlichen Erfahrungen mit Wikipedia in einem Weblog (Blog) veröffentlicht [9].

Im Juli 2008 hat Peter König auf ähnliche Erfahrungen mit der deutschsprachigen Wikipedia-Seite hingewiesen und berichtet, dass auch diese Seite für Veränderungen gesperrt ist! Die 22 Druckseiten (ohne Links) zeigen ebenfalls ein gemischtes Bild der Homöopathie: weite Passagen lassen das Bemühen erkennen, ausführlich zu recherchieren und allen Fragen nachzugehen. Ganze Abschnitte aber sind eindeutig tendenziös und schreiben eine ablehnende Haltung fest, indem sie nur negativ-kritische Literatur zitieren. Man findet die bekannten Vorwürfe wie z.B. Potenzierung und hohe Verdünnungen, fehlende Wirknachweise, Placebovorwurf, fehlende Reproduzierbarkeit des Chinarindenversuches, fehlender Wirkmechanismus, Vitalismus, Psoralehre, Homöopathie in der NS-Zeit, unterschiedliche Similewahl, Widersprüchlichkeit der Lehren, Traumprüfungen und Impfdiskussion. An wissenschaftlichen Studien wird nur die o.g. Lancet-Arbeit vorgestellt, wobei die vorhandene wissenschaftliche Literatur z.B. die umfangreiche Literatursammlung des ECH nicht erwähnt wird und kein Link zu anerkannten homöopathischen Organisationen zu finden ist.

Wikipedia ist eine wertvolle Informationsquelle ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Fachkompetenz und damit in komplizierten wissenschaftlichen Fragenstellungen überfordert. Fehlende Fachkenntnis und ärztliche Erfahrung können nicht durch journalistisches und laienmäßiges Recherchieren ersetzt werden! Die Homöopathie-Seite ist unzureichend, willkürlich, unvollständig und daher nicht geeignet, ein dem internationalen Wissensstand entsprechendes Bild der Homöopathie zu vermitteln.

Das wird auch durch die subtilen Wikipedia policies verhindert: die Eintragungen von Editoren müssen verifizierbar und auf eine zuverlässige Quelle zurückführbar sein und als wertvoller Beitrag klassifiziert werden. Ist dies nicht der Fall – was aus kritischer naturwissenschaftlicher Sicht bei homöopathischen Publikationen jederzeit möglich ist – werden die Einträge blockiert. Und wenn der Autor in seiner Korrespondenz auf unfaire Angriffe nicht höflich und political correct reagiert, wird auch der Autor blockiert.

Wikipedida ist damit als participatory encyclopedia und aufgrund des global principle von Wikipedia „Ignore all rules“ (http://en.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Policies) nicht in der Lage, die Homöopathie zu beurteilen, da methodisch transparente, dem Wissenschaftsbereich entsprechende und klar definierte Kriterien erforderlich sind, um naturwissenschaftliche und medizinische Sachfragen zu lösen.

 

Internetforen

In Wikipedia finden sich häufig Links zu GWUP, der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (www.gwup.org). Der 1987 in Bonn gegründete und zur Förderung der Volksbildung als gemeinnützig anerkannte Verein umfasst hunderte Wissenschaftler und Interessierte beschäftigt sich mit Astrologie, Außerirdischen, Feng Shui, Homöopathie, NLP, Reinkarnation, UFOs, Wahrsagern und anderen „Parawissenschaften“. Die Ziele des Vereins sind „Aufklärung und kritisches Denken, sorgfältige Untersuchung parawissenschaftlicher Behauptungen und die Popularisierung von wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnissen“, um durch „fundierte Informationen die Anfälligkeit für pseudowissenschaftliche Vorstellungen und Versprechen abzubauen“.

Abgesehen davon, dass sich im Wissenschaftsrat der GWUP keine homöopathischen Ärzte befinden, zeigen die Ziele das bekannte Muster, das Aufklärung und kritisches Denken mit Naturwissenschaft gleichgesetzt und alles, was dem nicht entspricht, als „Parawissenschaft“ abwertet. Die GWUP vertritt damit ein auf die Aufklärung des 17.-18. Jahrhunderts zurückgehendes wissenschaftsgläubiges Weltbild, das im Gegensatz zu den Prinzipien der Aufklärung nicht bereit ist, sich von „starren und überholten Vorstellungen, Vorurteilen und Ideologien zu befreien und Akzeptanz für neu erlangtes Wissen zu schaffen“ (Wikipedia). GWUP ist aufgrund dieses einseitigen Wissenschaftsbegriffes methodisch nicht geeignet, Fragestellungen der Komplementärmedizin zu beurteilen.

Das Internet enthält unzählige Diskussionsforen, die Meinungen und Erfahrungen über Homöopathie austauschen. Der Nachteil dieser Foren ist wie bei Wikipedia und GWUP, dass die Richtigkeit und Vollständigkeit der Eintragungen nicht erkennbar ist. Auch werden keine methodischen Kriterien genannt, um die wissenschaftliche Evidenz und Relevanz der Einträge zu bewerten. Daher sind Diskussionsforen eher dafür geeignet, kritische Punkte aufzulisten als zur Lösung wissenschaftlicher Fragen beizutragen.

Eine empfehlenswerte Ausnahme ist das von Claus Fritzsche herausgegebene „H.Blog: Homöopathie und Forschung“ (www.psychophysik.com/h-blog). Das H.Blog wird vom Herausgeber der Fachzeitschrift Forschende Komplementärmedizin Harald Walach geleitet und beschäftigt sich in fundierten Beiträgen vor allem mit den Vor- und Nachteilen der Evidenzbasierten Medizin. Ziele des H.Blog sind die „neutrale Therapiebewertung, die sich nicht primär an der eigenen Voreingenommenheit orientiert, sondern die verschiedenen Evidenzen fachkundig, systematisch und kritisch aufbereitet“ und „die wissenschaftliche Erforschung der Homöopathie einer breiteren Öffentlichkeit transparent zu machen“.

 

Das Bild der Homöopathie an der MedUni Wien

Die Homöopathie wird in Ambulanzen des Allgemeinen Krankenhauses der Medizinischen Universität Wien und anderen Krankenhäusern und in der Intensiv- und Notfallsmedizin mit Erfolg angewendet, im Medizinstudium als Wahlfach „Homöopathie“ angeboten und durch die Studenteninitiative Homöopathie (SIH) vertreten [10, 11]. Dennoch ist eine unvoreingenommene Beschäftigung mit der Homöopathie in der MedUni Wien noch nicht erreicht, wie das am 16. April 2008 im Hörsaalzentrum veranstaltete Diskussionsevent „Evidence-based Homöopathie?“ zeigte [12]. Der Vorstand des Instituts für Pharmakologie, Michael Freissmuth vertrat dabei die Position „Contra Homöopathie“ und der Allgemeinmediziner und praktizierende homöopathische Arzt Christoph Abermann sprach für die Homöopathie. Für beide Diskutanten galt die Vorgabe, Impulsreferate mit rezenten Studien und Daten zu halten, um danach mit dem Publikum darüber zu diskutieren.

Während Ch. Abermann eine kurze Einführung in die Homöopathie gab und über die randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie der homöopathischen Behandlung von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizits-Hyperaktivitätssyndrom (ADHD) von Heiner Frei 2005 berichtete und aktuelle Langzeitdaten des Autors vorstellte, nutzte M. Freissmuth die Veranstaltung für dogmatische Attacken gegen die Homöopathie. Freissmuth leitete sein Referat mit den Worten ein, dass „eine Diskussion sinnlos ist“, da wissenschaftliche Medizin = Evidence based Medicine und „Para- oder Alternativmedizin“ nicht vereinbare Standpunkte sind. Er vertrat deshalb den Standpunkt, dass EBM „die einzige ethische Rechtfertigung ärztlichen Handelns zur Unterscheidung von Quacksalberei und Kurpfuscherei“ ist, „weil nur ein wissenschaftliche Ansatz ermöglicht, falsch von wahr zu unterscheiden“. Freissmuth zitierte dazu John Rawls („A Theory of Justice“ – justice as fairness): „Ein System ist dann fair, wenn sich alle auf die Regeln einigen können, bevor sie ihren Platz im System kennen“ und knüpfte daran die Regel: „Wenn man Geld für seine Therapie verlangt, muss man den Nachweis (= die Evidenz) erbringen, dass diese Therapie auch wirksam ist“. Als „Kritierien für diesen wissenschaftlichen Zugang“ nannte Freissmuth die Kriterien Sir Karl Raimund Poppers: „Reproduzierbarkeit, Plausibilität (kein Verstoß gegen fundamentale Naturgesetze), Sparsamkeit (parsimony), Voraussagewert und Falsifizierbarkeit (Voraussetzung für neue Hypothesen und medizinischen Fortschritt)“. Davon leitete er eine polarisierende Trennung zwischen „Ethischer Medizin mit überprüfbarer Evidenz“ und „Dogmatischer Medizin, die immer Gründe hat, warum eine Überprüfung gerade nicht möglich ist“ ab und zitierte dazu wieder Popper („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“): „Totalitäre Systeme entziehen sich der Überprüfbarkeit durch ihren dogmatischen Charakter („Guru hat gesagt“) und durch Immunisierung.“

Das medizinische Weltbild Freissmuths ist das der Naturwissenschaft und er benutzt die Popper’schen Kriterien der Wissenschaftlichkeit und soziologisch-juridische Ansätze, um scharf zwischen wahr und falsch zu urteilen. Daher beschäftigt sich er nicht mit den Grundlagen medizinischer Methoden, die diesen Wissenschaftskriterien nicht entsprechen, sondern schließt diese als „dogmatische Systeme“ aus. Freissmuth verwendet für seine Beurteilung auf Ebene der Dogmatik eine Methode der Systematischen Theologie zur Auslegung der christlichen Glaubenslehre (Wikipedia), um auch in der Medizin zwischen „Wissenschaft“ und „Glauben“ zu trennen. Wie die o.g. GWUP vertritt er ein wissenschaftsgläubiges Weltbild der Aufklärung, ohne sich selbst von starren und überholten Vorstellungen und Vorurteilen zu lösen und neues Wissen akzeptieren zu wollen. Als Wissenschaftler, der „stur an bestimmten Grundsätzen festhält“, ist Freissmuth damit selbst ein „Dogmatiker“ im alltagssprachlichen Sinn (Wikipedia). Der Dogmatiker Freissmuth verwendet somit die theologische Methode der Dogmatik, um medizinische Methoden, die nicht den Popper’schen Wissenschaftskriterien entsprechen aus dem medizinischen Weltbild und der Universität und der Kostenerstattung durch die Gesundheitssysteme auszuschließen.

Freissmuth stellt sein dogmatisches wissenschaftliches Weltbild über die modernen Erkenntnisse der Medizin und Komplementärmedizin. Entsprechen diese nicht seinen Vorstellungen von „Wissenschaft“, ist er nicht bereit, sich akademisch damit zu beschäftigen. Stattdessen wendet er die soziologische Methode der Diffamierung an, um Wissenschafen und Wissenschaftler, die andere medizinische Sichtweisen vertreten, anzugreifen und mit Ausführungen über totalitäre Systeme, Religion und Esoterik und Vorwürfen wie „Pseudoheilung“ und „Medizin-Marketing“ lächerlich zu machen. Dazu warf er anerkannte komplementärmedizinische Therapiemethoden und kuriose Therapieideen aus dem Internet zusammen: „Alle dogmatischen Systeme (Homöopathie, TCM, Ayurveda, anthroposophische Medizin, Germanische Neue Medizin …) berufen sich auf Wissenschaftlichkeit“, um deren Wissenschaftlichkeit verallgemeinernd in Abrede zu stellen.

Als Belege dazu präsentierte er Webseiten über die „Neue Germanische Medizin“ samt Link zur Weltnetzseite von Dr. Hamer und dem Hinweis, dass Hamer in Spanien wieder als Naturheilarzt praktizieren darf, Webseiten des Laser Vaginal Rejuvenation Institute in Los Angeles, Thorwald Dethlefsen und Wikipedia-Webseiten über Reinkarnationstherapie und Esoterik und kritisierte mit Hilfe des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik begriffliche Ungenauigkeiten auf der Webseite von Ch. Abermann.

Freissmuth wertete die Eigenschaften und Vorteile komplementärer Verfahren wie „sanft“, „natürlich“, „physiologisch“ und „Mitwirken des Patienten“ als „typische Reizworte für Medizin-Marketing“ ab und listete „vielfältige Methoden zur Steigerung des Bedarfs an medizinischen Leistungen“ auf, indem normale Lebensprozesse, milde Symptome und Risikofaktoren benutzt und „neue Krankheitsbilder erfunden werden, um vorhandene Therapien besser vermarkten zu können“. Er wandte sich gegen die Aussage „Wer heilt, hat recht“, indem er „Pseudoheilung/Pseudowirkung“ auf Spontanverläufe (banale Erkrankungen heilen alleine, chronische Krankheiten fluktuieren) und den Placeboeffekt zurückführte und darauf verwies, dass sich diese Effekte nur in kontrollierten randomisierten Doppelblindstudien ausschalten lassen.

Damit leitete Freissmuth am Ende seines Referates erstmals zu einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Homöopathie über. Allerdings beschränkten sich seine Ausführungen auf eine einzige, veraltete Studie (Fisher P, Scott DL, A randomized controlled trial of homeopathy in rheumatoid arthritis, 2001). Aktuelle wissenschaftliche Publikationen, Studien und Metaanalysen wurden von Freissmuth nicht erwähnt und auch die von Abermann präsentierte Studie wurde nicht kommentiert. Damit demonstrierte der Vorstand des Pharmakologischen Institutes der MedUni Wien, dass er nicht bereit ist, sich wissenschaftlich mit der Homöopathie zu beschäftigen und fasste die Unwissenschaftlichkeit seines Zuganges in einem abschließenden Statement als „Zafaurek-Kriterium“ zusammen: „Ich glaube erst an Homöopathie, wenn es eine homöopathische Antibabypille gibt.“

 

Begründung für ein Argumentarium

Die Homöopathie ist seit ihrer Entdeckung 1790 Kritik ausgesetzt. Doch während es zu Hahnemanns Zeiten um die Fragen eines wissenschaftlichen Therapieansatzes inmitten unwissenschaftlicher Theorien, klinischer Therapieformen in der Homöopathie und den standespolitischen Streit zwischen Ärzten und Apothekern zur Abgabe homöopathischer Arzneimittel ging, ist die Situation heute komplexer. Bedingt durch den einseitigen Wissenschaftsbegriff der universitären Medizin, zunehmendem Wettbewerb am Pharma- und Gesundheitsmarkt, zunehmendem Kostendruck im Gesundheitssystem und den Informations- und Wissenszuwachs unter Laien ist die Homöopathiekritik vielschichtiger und folgenschwerer geworden.

Daher kann es der „homeopathic community“ nicht egal sein, wie in den Medien über die Homöopathie berichtet wird. Denn die „Binnensicht“ der Homöopathen unterscheidet sich radikal vom Bild der Homöopathie in der Öffentlichkeit, das durch Auseinandersetzungen, Widersprüchlichkeit und Unsicherheit gekennzeichnet ist. Sogar gute Studien bringen wenig, wenn vernichtende Kritik anhaltend medienwirksam platziert und der Komplementärmedizin die Wissenschaftlichkeit verwehrt wird. Das verwirrt nicht nur KollegInnen, Studenten und Patienten und hält viele ab, sich mit der Homöopathie zu beschäftigen oder homöopathisch behandeln zu lassen. Denn die zukünftige Entwicklung der Medizin und auch der Homöopathie wird wie alle globalen Entwicklungen durch Macht, Markt und Wissenschaft dominiert. Diese werden durch EU-Richtlinien, Evidenzbasierte Medizin und Behandlungsleitlinien, die festlegen, welche Erkrankungen mit welchen Methoden behandelt werden dürfen, festgeschrieben und haben damit auch größte Relevanz für den Fortbestand der Homöopathie.

Daher ist es zuwenig, es besser zu wissen, zu glauben, dass sich das Gute durchsetzen wird, Leserbriefe zu schreiben und Stellungnahmen auf Webseiten zu veröffentlichen. In einem Machtkampf um die Vorherrschaft wissenschaftlicher Weltbilder, Marktanteile im Gesundheits- und Wellnessbereich und Beeinflussung des globalen Informationsmanagements z.B. durch Wikipedia müssen die Dimensionen der Entwicklung bekannt sein, um die vorhandenen Ressourcen sinnvoll einzusetzen und die Anliegen der Homöopathie zu vertreten.

Da die medizinisch-wissenschaftlichen Sachfragen der Homöopathie und die Vorwürfe der Kritiker sehr komplex sind, Einzelne die wissenschaftliche Literatur nicht überblicken können und die Aufgaben homöopathischer ÄrztInnen in der Krankenbehandlung und nicht in akademischen Streitgesprächen liegen, soll in Zusammenarbeit mit der ÖGHM ein „Argumentarium“ zu den häufigsten Inhalten der Homöopathiekritik aufgebaut werden. Das Argumentarium soll bei unsachgemäßer Kritik in den Medien oder während Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen verwendet werden, um fachlich korrekt zu antworten und die Kritik in positiver Weise zur Erklärung der wissenschaftlichen Grundlagen der Homöopathie nach dem aktuellen Stand des Wissens zu nutzen. Das Argumentarium soll als Service der ÖGHM für die Vortragenden und Mitglieder der ÖGHM dienen. Die Inhalte des Argumentariums werden in den kommenden Ausgaben der HIÖ und auf der Webpage der ÖGHM publiziert werden.

 

Literatur:

[1]     Shang A, Huwiler-Muntener K, Nartey L, Juni P, Dorig S, Sterne JA, Pewsner D, Egger M.: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. Lancet 2005;366:726-32.

[2]     Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Correspondence. H Walach, W Jonas, G Lewith; K Linde, W Jonas; P Fisher, B Berman, J Davidson, D Reilly, T Thompson, on behalf of 29 other signatories; F Dantas; A Shang, P Jüni, JAC Sterne, K Huwiler-Müntener, M Egger; KP Skandhan, S Amith, S Avni; D Raoult. www.thelancet.com Vol. 366, December 17/24/31, 2005.

[3]     Dellmour F.: Klinische Studien und Metaanalysen in der Homöopathie. Deutsche Zeitschrift für Klinische Forschung 5/6-2006: 52-60.

[4]     Sinead H.: ‘Lack of evidence’ blamed as homeopathy funding is withdrawn. KentOnline, www.kentonline.co.uk, 29 July 2008.

[5]     Hanifle T, Ehgartner B.: Das Ende der Homöopathie. Profil, Nr. 37, 36. Jg., 12. September 2005: 106-13.

[6]     Ehgartner B.: Die Macht der Einbildung. Profil Nr. 48, 26. November 2007: 110-118.

[7]     Karas Ch.: Evident ist nur die Unschädlichkeit. Esoterik in der Therapie als Glaubensfrage: Warum der Nutzen der Homöopathie nicht nachweisbar ist. Wiener Zeitung, Samstag, 21. April 2007: 10.

[8]     Aigner F.: Nichts als fauler Zauber. James Randi kämpft mit wissenschaftlicher Methodik gegen das Übernatürliche – zu den paranormalen Phänomenen zählt er auch die Homöopathie. Der Standard, 7. August 2008. http://derstandard.at, 6. August 2008. Leserbrief von Kurt Usar: 11. August 2008.

[9]     Weeks J, Where is Your Definition Tonight? Dana Ullman on the Virtual War in Wikipedia over Homeopathy. http://theintegratorblog.com, 15 January 2008.

[10]    Frass M, Bündner M (Hrsg.): Homöopathie in der Intensiv- und Notfallmedizin. Elsevier Urban & Fischer, München 2007. Rezension: Homöopathie in Österreich 2008;1:48.

[11]    König P (Hrsg.), Durch Ähnliches heilen. 2. Auflage, LexisNexis ARD Orac, Wien 2005. Keppelhofer D, Geschichte und Ausbildungsprogramm der StudentInnen-Initiative Homöopathie (SIH): 115; Usar K, Homöopathie im Krankenhaus und in den Institutionen: 125; Frass M, Homöopathie – ihr Stellenwert auf einer Intensivstation: 139.

[12]    Club Biotech der Veterinärmedizinischen Universität Wien: Synopsis Diskussionsevent „Evidence-based Homöopathie?“ M. Freissmuth (Contra Homöopathie) und Ch. Abermann (Pro Homöopathie). Allgemeines Krankenhaus Wien, Hörsaalzentrum 16. April 2008.

Weitere Angaben beim Verfasser:

Friedrich Dellmour, Sängerhofgasse 19, 2512 Tribuswinkel